GUSTAV WAR EIN TYP MENSCH, WIE ER IN ZUG KAUM MEHR EXISTIERT
Unbemerkt von der Öffentlichkeit ist unlängst Gustav Gössi gestorben. Sein Leben auf dem Zugerberg war von Bescheidenheit und Entbehrungen geprägt. Unsere Autorin erinnert sich an eine letzte Begegnung mit ihrem eigenbrötlerischen Nachbarn.
Dein Haus ist klein, zwischen alten Bäumen gut getarnt und macht einen etwas heruntergekommenen Eindruck. Man glaubt kaum, dass es noch bewohnt ist.
Das denken viele Leute. Aber ich werde hier wohnen, solange es geht. Ich bin am 28. Oktober 1933 auf dem Bauernhof Grossmatt geboren und aufgewachsen. Wir waren neun Kinder – drei Mädchen und sechs Buben. Der Platz war knapp. Zwei Kinder teilten sich ein Bett. Zu essen gab es entweder Brot, Mais oder Kartoffelsuppe, am Sonntag ab und zu einen Braten. Im Stall lebten acht Kühe. Da wir uns Kraftfutter nicht leisten konnten, produzierten die Kühe nicht so viel Milch. Auch für landwirtschaftliche Maschinen fehlte das Geld. Nicht mal eine Melkmaschine hatten wir. Alles war Handarbeit. Der Heuwagen wurde von zwei Kühen übers Feld gezogen. Das Gras haben wir mit der Sense geschnitten – wie zu Gotthelfs Zeiten. Als ich acht Jahre alt war, starb mein Vater, damals 59 Jahre alt. Zum Glück war meine Mutter noch jung, erst 33 Jahre alt.
Sie blieb als Witfrau mit neun Kindern auf dem Zugerberg?
Ja, sie hatte keine Wahl. Aber sie wurde schikaniert. Man wollte ihr sogar das Land wegnehmen. Tagelang war sie mit dem Waschen der Wäsche aller Familienmitglieder beschäftigt. Die Leinen waren lang und wurden von Baum zu Baum gespannt. Wir Kinder halfen, wo wir konnten. Ins Burgbachschulhaus ging ich gerne, aber nur sieben Jahre lang. Lesen und schreiben ist mir immer schwergefallen – und das ist bis heute so. Darum kommuniziere ich am liebsten mündlich. Ferien machten wir keine. Ferien waren für mich, wenn ich in den WK konnte. Ich war bei den Sanitätern. Nach der RS arbeitete ich eine Zeit lang als Fabrikarbeiter bei der Landis & Gyr. Gute Erinnerungen habe ich an meine Aktivzeit beim Löschzug Zugerberg der freiwilligen Feuerwehr und beim Schwingclub Oberwil. Dies gab Abwechslung und man lernte nette Kollegen kennen.
War immer klar, dass Du in der Grossmatt bleibst?
Ja. Ich war gerne Bauer. Viele Jahre habe ich zusammen mit meinen beiden ledigen Brüdern Sebi und Kari sowie unserer Mutter auf dem Hof gelebt. Im Jahre 1956 schafften wir uns einen kleinen Rapid-Motormäher an. 1964 kauften wir einen Fernseher. Wir waren die erste Familie auf dem Zugerberg, die ein Gerät hatte. Im Alter von 84 Jahren war ich das erste Mal für längere Zeit weg von zu Hause.
Was war der Grund?
Ich hatte eine schwere Lungenentzündung und musste ins Kantonsspital. Als es mir wieder besser ging, schlug man mir vor, zu meinem Bruder Kari ins Altersheim Chlöschterli nach Unterägeri zu ziehen, der dort inzwischen ein neues Zuhause gefunden hatte. Sein Zimmer war gross genug für uns beide. Doch mit der Zeit merkte ich, dass es mir im Heim nicht passte. Ich wollte wieder meine Freiheit, wieder zurück auf den Zugerberg und protestierte stumm. Nach vier Monaten liess man mich gehen.
Was machst Du den ganzen Tag?
Ich verbringe die meiste Zeit alleine. Am liebsten sitze ich vor dem Fernseher. Ich esse Wurst, Brot und Käse oder mache mir eine Rösti mit Speck. Bis zur Corona-Seuche ging ich am Sonntag in die Kirche, aber das lasse ich jetzt auch bleiben. Im Sommer unternehme ich Spaziergänge, kümmere mich um den Garten oder bin ich am Holzhacken. Die Bäume schneide ich aber nicht mehr selbst. Auf eine Leiter zu steigen wäre zu riskant.
Selber eine Familie zu gründen war nie ein Thema?
Nein. Ich hätte einer Frau nicht viel bieten können. Im Haus gibt es bis heute kein fliessendes Wasser, nur einen Brunnen neben der Scheune, der mit Quellwasser gespiesen wird. Das ist der Grund, warum ich den Behörden verboten habe, auf dem Strassenstück meines Grundstücks zu salzen. Das Salz würde sonst in die Erde und von dort in die Quellfassung des Wassers gelangen, das ich vom Brunnen nehme. Ich musste lange für das Salzverbot kämpfen, aber schliesslich wurde es respektiert. Damit die Autofahrer vorgewarnt sind, habe ich beim Strassenstück vor meinem Haus eine Tafel mit der Aufschrift «SALZENDE» montiert. Dazu zwei Ausrufezeichen.
Finanziell kommst Du über die Runden?
Ich lebe von einer minimalen AHV-Rente in der Höhe von 1200 Franken und habe noch etwas Erspartes. Zudem erhalte ich einen Teil vom Pachtzins für das Land, das unsere Erbengemeinschaft seit 2006 einem Nachbarn verpachtet. So kann ich auch die Krankenkasse und die Gebäudeversicherung bezahlen. Der Sohn meiner Schwester Albertine, die nach dem Tod meines Vaters auf die Welt kam, hat in Inwil eine Bäckerei. Von dort erhalte ich regelmässig Brot und andere Esswaren, die im Laden nicht verkauft werden. Das schätze ich. Den Rest besorge ich selbst. Regelmässig fahre ich mit meinem Töffli in die Migros nach Unterägeri und kaufe dort ein. Wenn es kalt ist, trage ich den alten Militärkaputt.
Das Gespräch fand anfangs 2023 statt, als Gustav Gössi noch bei guter Gesundheit auf dem Zugerberg wohnte. Im Jahre 2024 ging es mit Gustav Gössi gesundheitlich bergab. Er wurde schwächer und konnte nicht mehr alleine in der Grossmatt haushalten. Auch benötigte er einen Rollator. Er zog ins Altersheim Breiten nach Oberägeri, wo es ihm gut gefiel. Er jasste gerne und nahm an Aktivitäten teil. Gustav Gössi starb am 7. Oktober 2025. Der Löschzug Zugerberg der Freiwilligen Feuerwehr Zug erwies ihm anlässlich der Abdankung auf dem Friedhof Zug beim letzten Geleit die Ehre.