PUBLIKATION

GGZ Jahresbericht

ZUSAMMENARBEIT

Benni Weiss (Fotos)

TEXT

Sabine Windlin

DATUM

1.4.2024

ANLAUFSTELLE, AUFFANGNETZ UND SPRUNGBRETT

 

Seit über 25 Jahren unterstützt GGZ@Work stellenlose Sozialhilfebezüger und Asylsuchende im Auftrag von Kanton und Gemeinden bei der sozialen und beruflichen Integration. Derzeit profitieren 726 Personen aus über 20 Nationen von diesem Angebot.

 

«Nie hätte ich gedacht, dass ich eines Tages arbeitslos werden und auf Sozialhilfe angewiesen sein würde.» Heidi Brunner, 55, sitzt an einem runden Tischchen in der Cafeteria von GGZ@Work am Standort Göbli und schaut zum Fenster hinaus. Heidi wirkt nicht deprimiert oder verzweifelt, eher erstaunt, dass es so weit kommen sollte. Die gelernte Reisefachfrau hat eine solide Ausbildung, jahrelange Berufserfahrung, spricht Englisch und Französisch, bringt vielfältige administrative Kenntnisse mit, ist kontaktfreudig und packt gerne an. Doch Covid hat ihr einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die Zugerin hatte 2016 in Nordafrika eine Agentur aufgebaut, die komplett zum Erliegen kam, als der Tourismus virusbedingt zusammenbrach. Härtefallgelder konnte sie in Nordafrika nicht beantragen. Am finanziellen Tiefpunkt angelangt, brach sie im Frühling 2023 ihre Zelte ab und reiste – auf Rat ihrer Schweizer Freunde – ins Heimatland zurück. «Hier findest du garantiert eine Stelle», hiess es. Von wegen!


Seit Dezember 2023 ist Heidi bei GGZ@Work und arbeitet im «Laden 2». In der grossflächigen Second-Hand-Boutique werden Kleider, Schuhe, Accessoires und Geschenkartikel zu moderaten Preisen verkauft. Heidis Wohngemeinde war es, die sie auf die Möglichkeit dieser Beschäftigung aufmerksam machte. Zu Hause – Bewerbungen schreibend und Absagen abwartend – fiel Heidi buchstäblich die Decke auf den Kopf. Die Arbeit im Kleiderladen gefällt ihr, das Team ist nett, die Kundschaft dankbar, die Stimmung gut. Auch verdient sie sich so einen Zustupf zum Sozialhilfegeld, das sie empfängt. Doch langfristig will Heidi weg von hier, einen «richtigen Job» finden und einen «richtigen Lohn» verdienen. GGZ@Work erachtet sie als «Sprungbrett». Das Ziel: eine Arbeitsstelle im ersten Arbeitsmarkt. Heidi ist offen für diverse Branchen, zeigt sich auch flexibel bezüglich Stellenprozente und Arbeitsort. Als Nächstes wird sie mithilfe von GGZ@Work ihr Bewerbungsdossier auf Vordermann bringen und sich gezielt auf Stellen melden. Die Rahmenbedingungen auf dem Arbeitsmarkt sind gut. «Ich bin sehr zuversichtlich, dass ich etwas finde», sagt sie.


Heidi, die in Wirklichkeit anders heisst, ist nur eine von vielen Klientinnen und Klienten, die das Angebot von GGZ@Work dankbar annehmen und davon profitieren. Das zeigt ein Augenschein im Neubau Göbli , wo nebst dem Secondhand-Laden noch weitere Angebote dieses Zweiges der GGZ untergebracht sind: insbesondere Dienstleistungen aus den Bereichen Räumung, Transport, Recycling und Entsorgung sowie Gastronomie und Administration. Im Haus wird gehämmert, geschliffen, geputzt, kontrolliert, sortiert, katalogisiert, repariert, gerüstet, geschnippelt und gebraten. Die Klienten und Angestellten von GGZ@Work mögen das grosszügig konzipierte Haus, schätzen es als vielseitigen Beschäftigungs- und Begegnungsort, wo sie Kontakte pflegen und die Hilfe von Fachleuten für die berufliche Integration in Anspruch nehmen können. Hier findet man Unterstützung in diversen Belangen der Jobsuche und der persönlichen Weiterentwicklung. Ein weiterer Vorteil: Dienstleistungen von GGZ@Work, die bislang auf verschiedene Standorte verteilt waren, befinden sich seit 2023 weitgehend zentralisiert im Göbli-Neubau. «Die Kommunikation unter den verschiedenen Abteilungen ist einfacher, die Zusammenarbeit fällt leichter, man ist effizienter», erzählt Anita Schillinger, Geschäftsführerin von GGZ@Work. Auch könne man Synergien mit dem Ökihof oder gar der Frauenzentrale nutzen, die ebenfalls hier eingemietet sind. Man kennt sich, schätzt sich und hilft sich gegenseitig aus.


Wie wichtig Arbeit für eine befriedigende Lebensgestaltung ist, stellt auch Fabio Gisler immer wieder fest. Der 44-jährige Arbeitsagoge ist seit 14 Jahren bei GGZ@Work tätig und hat es dort mit Menschen unterschiedlichen Alters sowie aus verschiedenen Ländern und Kulturen zu tun. Empathisch und vorurteilslos geht er auf alle Klientinnen und Klienten zu, die ihm zugeteilt werden. Das können Schweizer, Ausländer mit einer Aufenthaltsbewilligung oder Leute mit Asylstatus sein. Die Arbeit, die es intern oder extern zu erledigen gibt, ist vielfältig. Da werden Küchen oder Badezimmer demontiert, Umzüge organisiert, Wohnungen geräumt, ganze Hausstände aufgelöst und abtransportiert; zurück im Göbli wird Wiederverwertbareres begutachtet, instand gestellt und wieder verkauft. «Die Klienten sind dankbar, geben sich Mühe und fühlen sich wohl hier», stellt Gisler fest. Als gelernter Zimmermann bringt er eine hohe Arbeitsmoral und viel Pflichtbewusstsein mit, musste durch seine Arbeit bei GGZ@Work aber auch realisieren: Nicht alle Menschen erfüllen die Voraussetzungen, um sich erfolgreich im ersten Arbeitsmarkt zu behaupten.


«Viele unserer Klienten bringen einen schweren Rucksack mit und kämpfen mit Problemen an diversen Fronten», berichtet Gisler. Krankheit, psychische Probleme oder Suchterfahrung sind beispielsweise Themen. Aber auch persönliche Schicksalsschläge oder schwierige Verhältnisse in der Familie haben bei manchen das berufliche Fortkommen negativ beeinflusst oder nahezu verunmöglicht. Manche Klienten haben Schulden, sind schon mit dem Gesetz in Konflikt geraten und haben es nie (wieder) geschafft, ein geordnetes Leben zu führen. «Manche sind mit dem System schlicht überfordert», bringt es Gisler auf den Punkt. Auch Klienten, die aus Kriegsgebieten kommen – gar von Gewalt oder Folter traumatisiert –, sind hier anzutreffen und es ist nicht sicher, ob sie es je schaffen, selber für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Hinzu kommt, dass die Menschen in den Beschäftigungsprogrammen ganz unterschiedliche Bildungsgrade vorweisen, teilweise kaum zur Schule gegangen sind, geschweige denn über Diplome verfügen, die für eine erfolgreiche Stellensuche hierzulande zwingend notwendig wären.


Da ist der 22-jährige Somalier, der eben erst einen Alphabetisierungskurs absolviert hat, sich nun aber als äusserst wissensbegierig entpuppt. Das ist der 18-jährige Türke, der als Teenager von seinem Heimatland in die Schweiz gezogen ist, jedoch keinen Lehrabschluss gemacht hat. Da ist aber auch der 22-jährige Usbeke, stark im muslimischen Glauben verankert, der sich erfolgreich bei McDonald’s beworben und dort vor kurzem eine Festanstellung gefunden hat. Und da ist schliesslich der 28-jährige Afghane, der Gefallen an der Gastronomie gefunden hat und sich hier weiterqualifizieren will. Insgesamt 726 Klientinnen und Klienten (rund 65%  Männer, 35% Frauen) nehmen derzeit die vielfältigen Angebote von GGZ@Work in Anspruch. Vertreten sind über 20 Nationen und Angehörige diverser Religionen. «Ein spannendes, aber nicht immer spannungsfreies Umfeld», sagt Arbeitsagoge Gisler und berichtet, dass es manchmal auch kleinere Konflikte zwischen den Kulturen zu managen gebe und es Toleranz von allen Seiten brauche. Was viele nicht wissen: Die Sozialdienste können Personen auch verpflichten, an Integrationsmassnahmen teilzunehmen, etwa wenn sie der Ansicht sind, dass jemand Gefahr läuft, völlig an den gesellschaftlichen Rand zu geraten. «Nicht selten wird aber aus dem Müssen auch ein Wollen», betont Anita Schillinger. «Die Klienten merken, dass sie hier willkommen sind und ihr Einsatz geschätzt wird.»


Die Fachleute sind bestrebt, für alle eine sinnvolle Arbeit zu finden; sprich: eine Beschäftigung, für welche die Klienten ein gewisses Talent mitbringen und für die sie motiviert sind. «Primär geht es darum, dass man diesen Leuten Struktur und Stabilität gibt und gleichzeitig die Freude an der Arbeit weckt», so Geschäftsführerin Schillinger. Denn viele hätten bereits eine lange Durststrecke ohne Erwerbstätigkeit hinter sich und durch viele Misserfolge ein angeknacktes Selbstvertrauen. Beschäftigung um der Beschäftigung willen gibt es aber nicht. Will heissen: Auch die Gesellschaft soll von den Einsätzen, die die Klienten verrichten, profitieren. Personen, die als Geflüchtete gerade im Kanton Fuss gefasst haben und kein Deutsch sprechen, kümmern sich beispielsweise um Neophyten, also um gebietsfremde Pflanzen, die hier Schaden anrichten, oder sie erledigen andere leichte Waldarbeiten, die je nach Jahreszeit anfallen.


«Die Leute werden nur mit Massnahmen gefördert, die auch zielführend sind», erzählt Gisler. Potenzialabklärungen am Anfang des Prozesses und eine Bestandesaufnahme nach zwei, drei Monaten sind darum das A und O. So wird deutlich, welche Integrationsschritte als Nächstes in Angriff genommen werden: ein externes Praktikum, eine schulische Ausbildung, eine Anlehre oder eine Lehre. Für manche Klienten – etwa Geflüchtete aus fremden Kulturkreisen –, die mit den hiesigen Gepflogenheiten gar nicht vertraut sind, geht es in der Startphase oftmals auch schlicht darum, «Basics» wie Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit anzutrainieren.


Derlei «Nachhilfeunterricht» brauchte Reto Kühne nicht. Der 50-jährige Klient von GGZ@Work ist waschechter Schweizer, als ausgesteuerter Erwerbsloser aber dennoch in einer misslichen Lage. Reto – auch er heisst eigentlich anders – hat das KV gemacht und jahrelang im Innen- und Aussendienst gearbeitet. Der alleinerziehende Vater war während der Familienphase nur in geringem Mass oder gar nicht erwerbstätig und stark mit seiner Tochter beschäftigt, die von der Schule geflogen war. Den Anschluss an die Arbeitswelt hat Reto aufgrund der vielen Probleme, die ihn beschäftigten, total verpasst. Zwei Jahre lang hat Reto gestempelt. Nun lebt er von der Sozialhilfe, bewohnt ein kleines Zimmer in einer Pension in Cham und arbeitet seit vier Monaten halbtags in der Administration von GGZ@Work. Reto professionalisiert den Online-Shop für die Bauteile, die aus den Wohnungsräumen zu GGZ@Work gelangt sind und die – nebst dem Verkauf vor Ort – nun verstärkt im Internet angepriesen werden. «Ein interessanter Job, der mir Spass macht», sagt Reto. «Man traut mir etwas zu und gibt mir Verantwortung. Ohne Beschäftigung, alleine zu Hause, bin ich fast versauert», erinnert er sich. «Jetzt habe ich wieder einen Grund, morgens aufzustehen. Ich werde hier gebraucht.»


Allerdings! Die Online-Offensive, der sich Reto annimmt, ist nämlich dringend nötig, denn der Platz im Bauteilladen ist beschränkt und die Lavabos, Backöfen, Waschmaschinen, Einbauschränke und Briefkästen sollen lieber früher als später einen Käufer finden und Einnahmen generieren. Im Netz – via Tutti, Facebook, Riccardo u. ä. Plattformen – geht das am schnellsten. Ladenhüter wie Fenster, Radiatoren oder Bodenplatten, die schon länger als ein Jahr im Göbli rumstehen, erreichen online im Nu Interessenten, die gezielt nach diesen Artikeln suchen. So gibt es im Göbli Platz für Neues. Reto wirkt motiviert, ist bestrebt, die ihm übertragene Aufgabe vorbildlich zu meistern, und will zeigen, was er draufhat. Für GGZ@Work hat er auch ein Handbuch verfasst, das festhält, wie der Online-Shop bewirtschaftet wird und wie die Abholung sowie die Bezahlung vor Ort über die Bühne gehen. Das Ziel einer Anstellung auf dem ersten Arbeitsmarkt hat Reto keineswegs aufgegeben. Auch wäre er bereit, eine Umschulung zu machen. Vorerst wartet er aber auf das Zwischenzeugnis, das er in Bälde von GGZ@Work erhalten wird. Mit den hier zusätzlich erlangten Qualifikationen und einem Bewerbungsdossier, das den heutigen Gepflogenheiten entspricht, rechnet er sich gute Chancen auf einen Job in der freien Marktwirtschaft aus.


Um auch in Zukunft Menschen in schwierigen Lebenssituationen eine Perspektive zu bieten, pflegt die GGZ@Work intensiven Kontakt mit Externen, insbesondere mit der Direktion des Innern des Kantons Zug und den Gemeinden. Deren Sozialdienste weisen GGZ@Work Klienten zu. «Die Zusammenarbeit läuft gut und ist eingespielt», so Anita Schillinger. Positiv klingt es auch seitens der Stadt Zug. «GGZ@Work ist für uns im Bereich der sozialen und beruflichen Integration der wichtigste Partner», bestätigt Jens Küng vom städtischen Sozialdienst. Immer wieder sei man froh, wenn man Ausgesteuerte an GGZ@Work verweisen könne; sei es, um ihnen eine Tagesstruktur zu geben, ihr Potenzial abklären zu lassen oder ihnen ein Coaching zu ermöglichen, damit die Chancen für eine Erwerbstätigkeit steigen. «Der heutige Arbeitsmarkt erlaubt es, auch für weniger qualifizierte Menschen eine Anstellung zu finden», stellt Jens Küng fest. Vor allem in der Gastronomie gebe es derzeit viele freie Stellen, was für Menschen, die von staatlicher Sozialhilfe lebten bzw. schon seit Jahren dem Arbeitsmarkt fernblieben, plötzliche neue Perspektiven eröffne; «vorausgesetzt, man ist gesundheitlich stabil und in der Lage, sich die geforderten Fähigkeiten anzueignen». Ähnlich sieht es bei Jobs im Kurierwesen oder bei Zustellungsdiensten aus. Da gibt es freie Stellen noch und nöcher. Die Arbeitslosenquote liegt im Kanton Zug derzeit bei 2%, jene der Sozialhilfequote bei 1,5%. Diese Zahlen schlagen sich auch in der Statistik von GGZ@Work nieder. Während man zu Spitzenzeiten 300 Klienten betreute, sind es derzeit deutlich weniger.


Küng spricht ein Thema an, das GGZ@Work seit längerem beschäftigt: die Volatilität des Arbeitsmarktes, auf die es zu reagieren gilt, aber auch die Flüchtlingszahlen, die starken Schwankungen unterworfen sind. Mal schnellen sie innert kurzer Zeit nach oben, mal stabilisieren sie sich oder befinden sich gar im Sinkflug. «Dies erfordert von uns viel Flexibilität bezüglich Infrastruktur und Personal», betont Anita Schillinger. Einerseits müsse man parat sein, wenn es die Situation erfordere, anderseits könne man nicht kurzfristig den ganzen Apparat runterfahren, wenn es weniger Zuweisungen gebe, weil der Bedarf nach Integrationsmassnahmen auch schnell wieder zunehmen könne.


Derzeit laufen Gespräche mit der SOVOKO, der Konferenz der Sozialvorsteherinnen und Sozialvorsteher der Zugerischen Gemeinden. Es geht darum zu klären, wie die partnerschaftliche Zusammenarbeit langfristig gestaltet und finanziert werden soll, so dass die Lasten fair verteilt sind. Klar ist schon jetzt, dass alle drei Player – GGZ, Kanton, SOVOKO – an einer Stärkung der Beziehung und der Aufrechterhaltung des Angebots interessiert sind, die sich seit über 25 Jahren bewähren. Klienten, ob mit Schweizer Pass oder gerade eben aus einem Krisengebiet geflüchtet, haben also weiterhin eine Anlaufstelle, die sie fördert und fordert. Die Gesellschaft profitiert als Ganzes, indem sichergestellt ist, dass niemand durch die Maschen fällt.