PUBLIKATION

Destinationsmagazin Zug

ZUSAMMENARBEIT

Martin Bissig (Fotografie)

TEXT

Sabine Windlin

DATUM

5.5.2024

INTIMER JAZZGENUSS IM ZUGER UNTERGRUND

 

Jazz, Cocktails, Comedy und Cabaret: im «Hidén Harlekin» taucht das Publikum in eine andere Welt ein und kann – japanisch angehaucht – dank Kevin Taro Bicker analog entschleunigen.

 

Das grosse Geld lockt kaum, wenn man in einer Kleinstadt einen Jazz-Club gründet. War es Leidenschaft, die Sie dazu bewog, Ende 2022 mit dem «Hidén Harlekin» zu starten?

 

Ja, aber auch die Finanzen müssen stimmen. Ich trage schliesslich eine Verantwortung, bezahle Löhne für mein Personal und möchte auch als Betreiber monetär nicht zu kurz kommen. Der Laden muss also laufen. Und er läuft! Von unseren Gästen hören wir immer wieder den gleichen Satz: Zug hat auf diesen Club gewartet.

 

«Jazz Kissa» lautet das Motto. Wachgeküsst vom Jazz – oder was ist gemeint?


«Kissa» bedeutet auf Japanisch Teeladen. Jazz Kissas sind also Orte, wo man Jazz hört und Tee trinkt. In Städten wie Kobe, Tokio, Osaka, Kyoto und Yokohama trafen sich schon vor Jahrzehnten Musikliebhaber, um gemeinsam Schallplatten zu hören, denn längst nicht jeder konnte sich Langspielplatten und Abspielgeräte leisten. Diese Treffpunkte waren Teil einer allgemeinen Begeisterung für die westliche Kultur und Musik. Der Zweite Weltkrieg unterbrach den Erfolg der Jazz Kissas, denn Jazz war nun «the music of the enemy». Doch die Fangemeinde der Kissas hielt ihre Plattensammlung während des Kriegs versteckt. In den 1950er-Jahren erwachte die Szene dank der stationierten Soldaten aus den USA erneut und lebt bis heute.

 

Im «Hidén Harlekin» gibt es nicht nur Tee und Sound von Schallplatten. Bekannt ist der Club auch für Live-Konzerte.


Korrekt. Mittwoch und Freitag gibt es Live-Jazz. Beim Programm arbeiten wir mit lokalen Musikern zusammen, ebenso mit den Jazzakademien in Luzern und Zürich. Auch die Jazz Night Zug ist mittlerweile ein toller Partner geworden und mit Rainer Riek und Mathias Landtwing arbeite ich eng zusammen. Erstmals seit 30 Jahren Jazz Night fand 2023 die Jam Session bei uns statt; ein riesiges Erlebnis mit Musikern aus der ganzen Welt von Austin bis Sizilien. Der Club schwitzte und brummte vor Leidenschaft. Wenn keine Band spielt, laufen Vinyl-Platten: Miles David, Frank Sinatra, Ella Fitzgerald, Sarah Vaughn, Duke Ellington, Billie Holiday usw. Wir verstehen uns als «listening bar», einen Ort, wo Musik nicht einfach im Hintergrund läuft, sondern wo man eine Platte sorgfältig aus dem Cover zieht, auf den Plattenteller legt, der Musik lauscht, sich für das Genre interessiert und so seinen musikalischen Horizont erweitert. Musik wird hier zelebriert.

 

Die Sehnsucht nach analoger Musik geht oft einher mit dem Wunsch nach Entschleunigung

oder mit der Sehnsucht nach einer vergangenen Epoche. Sind Sie Nostalgiker?


Das kann man sagen. Ich begeistere mich für die Epoche der 1920er bis 50er Jahre, für Swing, Bebop und für einen Lebensstil, der von einem unkonventionellen Künstlerdasein sowie kreativem Freigeist geprägt ist. Wir alle lassen uns heutzutage viel zu stark vom digitalen Alltag und der ständigen Erreichbarkeit stressen. In unserem Club jedoch läufst Du ein paar Treppenstufen runter und tauchst sofort ein in eine andere Welt, in ein Ambiente ohne Hektik, wo man zurücklehnen, entspannen und geniessen kann. Unser Programm beschränkt sich jedoch nicht auf Jazz. Alle zwei Wochen findet hier «Stand-up Comedy» statt, welche von Rob Spence und Alex Grant organisiert wird. Jazz und Comedy funktionierten schon früh im Paarlauf. Jazz ist bekanntlich eine Kunstform, die in der Improvisation verwurzelt ist. Das Gleiche gilt für Comedy. Ein weiteres Format bei uns nennt sich «Kitsuné»: Hier kombinieren wir Live-Jazz mit Live-DJ. Da geht es auf Bühne und Tanzfläche richtig ab. Burlesque, eine sinnlich-erotische Bühnenshow, ist eine weitere Kunstform, mit der wir seit kurzem unser Publikum verwöhnen. Hier steht die Tänzerin Kokeshi Momo im Rampenlicht. Hinzu kommt eine Kollaboration mit dem Verein «triplestep», wo ausgelassen Lindy Hop gelernt und getanzt wird.

 

Viel Gutes hört man auch von Eurer Cocktail-Bar. Da soll es mehr als nur Gin Tonic geben…


Dank Pascal Schönenberger, einem Magier hinter dem Tresen. Als Barkeeper war er in der ganzen Welt unterwegs, hat sich inspirieren lassen und Ideen mit nach Zug gebracht. Sein Barteam mit Brian und Madu ist sehr ambitioniert und hat sich zum Ziel gesetzt, dass das «Hidén Harlekin» landesweit zu den hervorragendsten Cocktailbars gehört.


Das Interieur ist äusserst erlesen und strahlt die Intimität eines Wohnzimmers aus. Trägt es
Ihre Handschrift?

 

Ja. Als ich den Club übernehmen konnte, habe ich ihn von Grund auf erneuert und ihm meine Handschrift verpasst. Das Design, die Ausgestaltung der Bar sowie der Grundriss mit den mehrstufigen Ebenen basieren auf meinen Skizzen und Entwürfen. Bei der Umsetzung halfen mir viele tolle Handwerker und Spezialisten. Auch ein Bühnenbildner und ein Akustiker waren involviert. Sie alle und die Eigentümerin der Liegenschaft haben von Beginn weg an meine Vision geglaubt und mich bei der Realisierung meines Traums grossartig unterstützt.


Was bedeutet eigentlich das Wort «Hidén»? Hat es – in Anlehnung an das englische «hidden» etwas mit einem Versteck zu tun?


«Hidén» bedeutet auf Japanisch Mysterium / Tor zu einer anderen Welt. Dieses Versprechen lösen wir nicht nur mit unserem Programm, sondern auch mit der Ausstattung der Räumlichkeiten ein. Antike Wandlampen und handgewalzte Tapeten, Velourstoff und Markisen, dies alles bekommt man nicht im Supermarkt, sondern habe ich im Laufe der Jahre gesammelt und nun hier gezielt platziert. Auch in die Realisierung der gemütlichen braunen Ledersofas, auf denen wir gerade sitzen, haben wir viel Herzblut gesteckt, vorgängig Prototypen erstellt und stundenlang Probe gesessen. Sie sind so geformt, dass man locker mit anderen Leuten ins Gespräch kommt.


Was hat es mit den grossen JBL-Boxen auf sich, die hier im Regal stehen? Die sehen nach einer Rarität aus.


Die zwei Boxen stammen von 1977. Es handelt sich eigentlich um Studiomonitore. Mit diesen hat man früher Vinylplatten aufgenommen. Die Boxen kamen aus Dänemark via Genf hier nach Zug. Eine Boxe wiegt 80 Kilogramm. Entsprechend stabil mussten die Aussparungen und Rückwände der Bibliothek, in der die Boxen stehen, konzipiert werden.


Wer verirrt sich in Deinen Club, der sich in einer unauffälligen Ladenpassage zwischen einem Brillengeschäft und dem Bodyshop befindet?


Die meisten Leute sind zwischen 35 und 65 Jahre alt. Das ist jenes Alterssegment, das noch gerne ausgeht, aber Mühe hat, einen passenden Ort zu finden. Wir selektionieren aber nicht. Ich freue mich über jeden Gast mit freundlicher Gesinnung und offenem Geist! Denn ob es den Zugern passt oder nicht: Diese Stadt ist ein internationaler Ort. Menschen unterschiedlicher Herkunft leben und arbeiten hier, mal für länger, mal nur temporär. Mich freut es, wenn es mir gelingt, in meinem Club Einheimische, Expats, Touristen und Geschäftsleute zusammenzubringen. Solche Bekanntschaften erweitern den Horizont und verändern den Blick auf die Welt. Ich selber habe keinerlei Berührungsängste, weil ich selber in verschiedenen Ländern gelebt und hinter Bars in Japan, Australien, Frankreich, Thailand und den USA gestanden habe. Auf der ganzen Welt hinter dem Tresen zu stehen, war meine beste Lebensschule!


Japan und die Schweiz – Kyoto und Zug. Gibt es Parallelen?


Durchaus. Höflichkeit, Pünktlichkeit, Rücksichtnahme, das Bedürfnis nach Harmonie – das sind Charaktereigenschaften und Werte, die sowohl für die Schweiz wie für Japan einen hohen Stellenwert haben. Die Achtsamkeit und der Respekt vor älteren Menschen sind in Japan jedoch noch ausgeprägter. Auch ich profitiere gerne von der Lebenserfahrung älterer Menschen. Mein Grossvater und mein Grossonkel sind für mich wichtige Vorbilder. Von ihnen habe ich die Kunst der Tuschmalerei gelernt; eine Tradition, die ich bis heute pflege und in der ich mich auf meinen Reisen nach Japan weiterbilde. 

 

Kevin Taro Bicker, 1991 in Kyoto geboren, ist Betreiber und Creative Director des Clubs Hidén Harlekin, den er im Dezember 2022 an der Bahnhofstrasse 30 in Zug eröffnet hat. Als Sohn eines Schweizers und einer Japanerin pendelt Bicker seit Kindsbeinen zwischen Europa und Asien und macht sich die Einflüsse beider Kulturen zunutze. Der Absolvent der Hotelfachschule versteht etwas von Gastronomie und Marketing, ist aber auch der Kunst und dem Design zugetan. Eine weitere Leidenschaft Bickers gilt der Kaligraphie.