VAS-Y VOLTAIRE!
Untrügliches Signal für die Ankunft in der Pariser Banlieue ist die Sprache.
Eine Durchsage via Lautsprecher braucht es nicht, um zu realisieren, dass die Schnellbahn RER in der Pariser Banlieue angekommen ist. Untrügliches Signal für die Ankunft im Norden von Paris ist die Sprache, die einem dort um die Ohren fliegt.
Oder ist es eher ein Slang, der in den von Prekarität geprägten Vorstädten gesprochen wird? Jugendliche parlieren Patois (Mundart), Charabia (Kauderwelsch), Argot (Jargon) Adolang (Teenagerslang) oder Verlan (von envers). Letzteres bezeichnet durch Umkehrung von Wortsilben kreierte Ausdrücke. Aus café wird féca, aus tabac batac, aus métro tromé.
Eltern, Lehrer und patrons sind zwar mittlerweile mit den gängigsten Ausdrücken vertraut («faire la teuf» für faire la fête, «laisse béton» für laisse tomber, «ziva» für vas-y! ) und wissen, dass mit den «meufs» die Frauen (femmes) und mit den «reuss» die Schwestern (soeurs) gemeint sind. Aber die multikulturellen Vorstadtpoeten fabrizieren gnadenlos schnell neue Wortsalven und widersetzen sich eisern der verbalen Anbiederung von aussen. Hat sich ein Idiom ausserhalb der Clique etabliert, verliert es seinen Rebellionstatus und wird eliminiert.
Je nach (gross)-elterlicher Herkunftsländern ist das Vorstadtvokabular spanisch-portugiesisch, antillisch-karibisch, algerisch oder malisch eingefärbt, so dass sich der Jargon der Maghrebiner durchaus von jenem der Schwarzafrikaner unterscheidet. Ein «beurs» (Araber) aus Grenoble kennt Wörter, die dem gebürtigen Senegalesen aus Toulouse fremd sind und umgekehrt. Spricht ein junger Pariser von «kisdé», sagt ein Lyoner «dek», während der Marseillais auf «condé» beharrt, obschon alle drei vom Ärger mit der Polizei reden.
Die Buchstaben der französischen Rap-Gruppe Suprême NTM wiederum stehen einerseits für «nique ta mère», das als Schimpfwort weit verbreitet ist. «Niquer», aus dem Arabischen abgeleitet, heisst vögeln. Heute bedeutet der Ausdruck noch soviel wie «hau ab». Anderseits steht NTM auch für «le nord transmet le message», womit gemeint ist, dass bandenmässig der Norden von Paris den Ton angibt. Schliesslich lassen sich die Buchstaben NTM umdrehen in MTN, was lautsprachlich als «aime ta haine» (liebe deinen Hass) gelesen werden kann.
Arbeitslosigkeit, Sex, Gewalt und Drogen evozieren die häufigsten Verlan-Derivate. «C’est la lerga (galère), j’en suis trop goutdé (dégoûté)», sagt der Dealer in Mathieu Kassovitz’ Vorstadt-Film «La haine» in schönstem Verlan. Sinngemäss: So ein Elend, ich bin angepisst.
Voltaire hätte ihn verstanden. Denn die verbale Jonglage hat ihren Ursprung nicht, wie oft behauptet, bei bildungsfernen Halbwüchsigen aus desolaten «técis» (cités), sondern existierte schon im 17. Jahrhundert. Voltaire schuf sein Pseudonym – durch Verdrehung der Silben - aus dem Namen seiner Heimatstadt Airvault.